2018     Dr. Beate Letschert    Ermutigung, Verantwortung und Verwöhnung in der Erziehung

Dokumentation Birgit Wulfmeyer und Dr. Josef Hanel

Bildungsreihe Kindergarten, Kindertagesstätte, Grundschule
Dr. Beate Letschert am 16. Mai 2018  „Wer darf dir heute den Ranzen tragen?
Über Ermutigung, Verantwortung und Verwöhnung in der Erziehung

 

Frau Dr. Beate Letschert spricht in der
Bildungsreihe Kindergarten/Grundschule
über die Unterstützung von Kindern
im Elternhaus und in den Bildungseinrichtungen 
und erläutert, warum es so schwierig ist, in Erziehung und Bildung den richtigen Weg zu finden.


Foto: Letschert

Einführung Dr. Josef Hanel
Der Sinn aller Erziehung ist es, den Genius in dem Menschen zu wecken. Nehmen wir statt Genius den Begriff Schulerfolg, so können wir mit DOLLASE und den zahlreichen Meta-Studien sagen, dass nicht die Unterrichtsmethode, die Klassengröße oder die Zusammensetzung der Klasse entscheidend für den Schulerfolg ist, sondern die Persönlichkeit des Lehrers / der Lehrerin. Das gilt sicher auch für den Elementarbereich.

Der Schein trügt nicht, es brodelt in der Welt der Pädagogik. Überall im Land häufen sich die Klagen aus den Bildungseinrichtungen von Eltern, ebenso auch von den Fachkräften, angefangen von der KiTa für Dreijährige bis zur Wieder-Einführung von G 9 – warum ist das so? Das muss doch zu denken geben. Das letzte Ausrufezeichen in der Presse galt dem Thema Gewalt gegen Lehrkräfte.

In einem offenen Brief (VBE aktuell 33 / 2017) hat sich der VBE nach Veröffentlichung der IQB-Studie (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen - Ländervergleich)  an die Ministerin gewandt:

  • „… Grundschullehrkräfte erleben tagtäglich hautnah, wie sehr sie ihre Ansprüche von Jahr zu Jahr herunterschrauben müssen: Klassenarbeiten, die noch vor 5 Jahren geschrieben werden konnten, werden abgespeckt. In vielen Klassen sitzen Kinder, die es nicht schaffen ruhig zuzuhören, wenn eine Geschichte vorgelesen wird. Immer mehr Kinder lernen noch in der vierten Klasse das kleine Einmaleins auswendig...“

Die Situation ist auch in anderen Bundesländern angespannt. So wird in der aktuellen Samstagausgabe der Frankfurter Rundschau (12./13. Mai 2018) zitiert … „

  • Am Limit. Frankfurter Gesamtschulen fühlen sich durch zunehmende Aufgaben wie Inklusion und Integration überfordert.
  • In Darmstadt machten schon vor vier Jahren die Personalräte von 13 der 17 Grundschulen eine Überlastungsanzeige gegenüber Kultusministerium und Schulträger geltend.
  • Über 30 Schulen aus Stadt und Kreis Offenbach haben in den vergangenen Jahren kollektive Überlastungsanzeigen an das hessische Kultusministerium übermittelt.

 

  • Arbeitnehmer sind nach dem Arbeitsschutzgesetz verpflichtet, ihrem Arbeitgeber eine Überlastung anzuzeigen, wenn daraus eine Gefährdung der eigenen Gesundheit bzw. Sicherheit oder von anderen Personen ausgehen kann. Laut § 15, Absatz 1, „haben die Beschäftigten auch für die Sicherheit und Gesundheit der Personen Sorge zu tragen, die von ihren Handlungen oder Überlastungen bei der Arbeit betroffen sind“ – im Fall der Lehrer die ihnen anvertrauten Kinder…“

Neben den vielen sicher auch freudvollen Situationen in Kindergarten, Kindertagesstätten und Schulen fallen doch drei Begriffe auf, die in letzter Zeit bei den Fachkräften und Eltern Hochkonjunktur haben Anspannung, Belastung und Entmutigung. Wie gehen wir damit um? Und damit sind wir im Thema von Dr. Beate Letschert. Sie wird in ihrem Vortrag besonders die Gegenpole beschreiben: Entspannung – Entlastung  – Ermutigung


Foto: Hanel

 

Etwa 95 Interessierte aus der Elternschaft, aus Kindergärten und Schulen sind zu dieser bemerkenswerten Veranstaltung im Bildungshaus Weerthschule erschienen.  Der Büchertisch der Buchhandlung Jaenicke war noch lange umlagert. Birgit Wulfmeyer stellte die Referentin vor, die auch schon vor einem Jahr  zu einem ähnlichen Thema sprach.

 

Birgit Wulfmeyer:  Eindrücke aus dem Vortrag  

Dr. Beate Letschert stellte gleich zu Beginn an einigen Beispielen aus dem realen Leben klar: Verwöhnung bedeutet ein Übermaß an Hilfestellung. Wenn ein Vorschulkind im Buchladen spielt, während die Mutter beschäftigt ist, und das Kind Bücher aus einem Regal fallen lässt, so hebt die behütende Mutter die Bücher selbstverständlich auf, obwohl das Kind diese auch selbst wieder einräumen könnte. Wie man in einer vergleichbaren Situation auch reagieren kann, zeigt ein anderes Beispiel aus dem Supermarkt.  Axel packt nach ausdrücklichem Verbot der Mutter Süßigkeiten in den Korb. Diese werden nicht auf das Kassenband gelegt und da Axel kein Geld hat, muss er die Süßigkeiten wieder zurück bringen!

Die Folgen einer verwöhnenden Erziehungshaltung sind erst auf dem zweiten Blick erkennbar:

  • Alles, was wir dem Kind abnehmen, kann es nicht lernen.
  • Die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Kindes werden dann unterschätzt.
  • Die dienende Haltung führt zu noch mehr Ansprüchen beim Kind.
  • Wenn das Kind bekommt, was es will, fühlt es sich schnell als der Boss in der Familie.
  • Das Gefühl, ein Recht auf Privilegien zu haben, also der Boss zu sein, setzt sich fest und kann sich auch im Unterricht bemerkbar machen: „Ich komme ja nie dran“ – was in der Regel nicht stimmt.

So entsteht schnell ein negatives Selbstbild der eigenen Fähigkeiten, weil das Kind inmitten unbekannter Möglichkeiten und Potentiale lebt und diese nicht abrufen kann. Das Kind lernt so nicht, an einer Sache dranzubleiben, beharrlich zu sein. Verwöhnung führt auf Dauer zu einem Defizit an Erfolgen und damit zu einem geringen Selbstbewusstsein. Die Eltern bleiben jedoch bei ihrem hohen Leistungsanspruch, das Dilemma ist vorprogrammiert. Ein Leben ohne Pflichten, Verantwortung und Mitarbeit lässt die entmutigende Erfahrung entstehen, nicht gebraucht zu werden und führt zu Einsamkeit: Niemand liebt mich, niemand versteht mich. BUEB hat für diese Kinder eine eigene Bezeichnung gewählt: die “Ich-alles-sofort-Generation“.

Was zu tun ist, wie kann man vorbeugen?

  • Kindern nichts abnehmen, was sie selbst tun können. Mit Kindern reden, und zwar auch darüber, was Eltern bewegt.
  • Differenzierte Rückmeldung geben, kein pauschales Lob wie „super,“ sondern  dem Kind zeigen, was es schon kann.
  • Übertriebene Belohnungen vermeiden, Verantwortung und Pflichten dem Kind übertragen.
  • Die Meinung des Kindes ernst nehmen, Transparenz schaffen, das Kind verstehen und richtig ermutigen. Nicht sagen „das schaffst du schon“ oder „das ist doch gar nicht so schwer“, sondern „wir freuen uns über das, was du schaffst.“

Dr. Beate Letschert: „Wir müssen das Kind erst voll bestätigen, bevor es sich ändern kann.“  Aber dazu ist es nie zu spät!

Buchtipp

 

Vor dem Hintergrund langjähriger Berufserfahrung gibt die Referentin Hilfen für die tägliche pädagogische Arbeit. Erschwernisse dabei gehen nach Letschert oft mit einer Entmutigung des Kindes einher, die durch vielfältige Weise verursacht sein kann. Zu beobachten sind  Vernachlässigung, Verwöhnung, Unverstanden-Sein und mangelndes Interesse, für die auch Eltern wissentlich oder unwissentlich Verantwortung mittragen. Sie zeigt auf, dass ermutigende Pädagogik oder Erziehung keine zusätzliche Belastung sein müssen, sondern oft sogar entlastend wirken können. Die Ermutigung des Kindes, aber auch die der pädagogischen Fachkräfte und der Eltern, ist das zentrale Anliegen von Dr. Beate Letschert.

 

Joline Heller in der LZ vom 18. Mai 2018

Zu viel Verwöhnung ist schlecht für die Entwicklung

Erziehungstipps: Dr. Beate Letschert klärt über die gefährlichen Konsequenzen einer falsch verstandenen Erziehung auf. Kinder sollten Verantwortung übernehmen

Detmold (joh). Eltern nehmen ihren Kindern gerne viel ab und die Kleinen auch nicht in die Pflicht. Aber das kann weitreichende Konsequenzen mit sich bringen und die Kleinen entmutigen. Das erklärte Dr.
Beate Letschert bei ihrem Vortrag zum Thema „Wer darf dir  heute den Ranzen tragen?“ Im Rahmen des Frühjahresprogramms des Vereins für Schulpsychologie Detmold und seiner Bildungsreihe für
Kindergarten und Grundschule zeigte Letschert in der Aula des Bildungshauses Weerthschule
nicht nur zentrale Probleme auf, die bei einem Überangebot von Hilfeleistungen zustande kommen, sondern gab auch Tipps und Lösungsansätze.

 

Dr. Beate Letschert wurde in Detmold geboren, hat an der
Universität Hamburg im Fachbereich Erziehungswissenschaften promoviert und zudem bereits als Lehrerin und Schulleiterin gearbeitet. Als Referentin gestaltete sie ihren Vortrag durch das Einbringen von selbst erlebten Fallbeispielen aus dem Alltag lebhaft für Eltern, Erzieher und Lehrer.

Foto: Joline Heller

 

Als erstes stellte Letschert heraus, dass all das, was sich Eltern wünschen und wie sie ihre Beziehung zum Kind gestalten möchten, nicht zielgerecht durch übermäßiges Verwöhnen erreicht werden könne. Ermutigung sei in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes besser. „Verwöhnung führt zu Verstrickung in fast ausweglose Verhaltensmuster“ fügte sie hinzu.

„Alles, was wir dem Kind abnehmen, kann es nicht lernen“, schilderte sie. Vertane Lernchancen zeigten, dass zu viel Hilfe keine Unterstützung darstelle, sondern das Selbstbewusstsein und Wertgefühl
der Kinder beeinträchtige. Letschert erklärte, wie verwöhnte Kinder eventuell Sachen nicht könnten, die ihre Mitschüler bereits gelernt hätten, wie beispielsweise das Binden einer Schleife. Das nage dann besonders am Selbstwertgefühl.

Außerdem hob die Referentin hervor, wie stark Kinder unter einem negativen Selbstbild leiden können. Es sei deshalb wichtig für die Kleinen, ihre Fähigkeiten und Potenziale zu entdecken und zu kennen, um nicht ein Leben inmitten unbekannter Potenziale zu führen. Durch Gewöhnung an Privilegien programmiere sich förmlich eine ständige Unzufriedenheit. Viele Kinder erhielten so eine falsche
Vorstellung vom Geliebt-Werden: „Sie glauben, dass sie geliebt werden, wenn sie immer bekommen, was sie wollen“. „Unsere Kinder sind viel zu wenig daran gewöhnt, dran zu bleiben. Ihnen fehlt Beharrlichkeit“, folgert Letschert und spricht dabei aus Erfahrung von Beratungsgesprächen und Unterricht. Jedoch seien Arbeit, Fleiß, Anstrengung und Disziplin grundlegende Elemente zur Bildung und Förderung des Selbstbewusstseins. Angst zu versagen sei der Nährboden für Frustration, Gewaltbereit chaft und Aggression.

Wichtig sei, dass die Eltern Partner der Kinder seien und offene Gespräche führten. „Damit ein Kind seine Fähigkeiten nutzen und bewusstmachen kann, sollten ihm Pflichten und Verantwortung übertragen werden“, betonte Letschert. Um die Kooperation von Kindern zu gewinnen, sollten sie darüber hinaus in gemeinsame Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

Zusammenfassend gibt Letschert folgenden Grundsatz mit auf den Weg: „Geben Sie Kindern
das Gefühl, gebraucht zu werden – ersetzen sie Verwöhnung durch Ermutigung“.