16. Detmolder Symposium für Pädagogik und Psychologie am 28. November 2007 im Grabbe-Gymnasiums vor 450 Besuchern Dr. Bernhard Bueb: Die Wiederentdeckung der Disziplin Dokumentation Dr. Josef Hanel

28. November 2007 in der Aula des Grabbe-Gymnasiums vor 450 Besuchern

 

Dr. Bernhard Bueb : Die Wiederentdeckung der Disziplin

 

Dr. Bueb kam nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen Eltern nach Süddeutschland. Er besuchte die Grundschule in Schwäbisch Hall. Nach seinem Abitur studierte er Philosophie und katholische Theologie in München und Saarbrücken, wo er über das Thema „Nietzsches Kritik der praktischen Vernunft“ promovierte. Es folgte eine Assistenzstelle bei dem Pädagogen Hartmut von Hentig an der Universität Bielefeld sowie eine zweijährige Tätigkeit als Erzieher an der Odenwaldschule.

Bekannt wurde Dr. Bueb als Leiter der Internatsschule Schloss Salem, diese leitete er 31 Jahre lang von 1974 bis 2005. Der renommierte Pädagoge gilt als einer der bekanntesten Kritiker des deutschen Erziehungswesens. Seine teilweise provokanten Thesen sind in der Streitschrift „Lob der Disziplin“ nachzulesen. Nach seiner Meinung sehnt sich unsere Jugend - auch benannt als die “Ich-Alles-Sofort-Generation“ - wieder nach mehr Disziplin.

Das Symposium wird von Inge Ehrlicher eröffnet, der 1. Vorsitzenden im Verein für Schulpsychologie Detmold. Nach dem Fachvortrag wird eine spannende Aussprache erwartet, die Schulpsychologe Dr. Josef Hanel moderieren wird. Der Abend klingt im Foyer der Volksbank aus. Bücher von Dr. Bueb sind am Büchertisch der Buchhandlung Jaenicke zu erwerben.

Der Eintritt ist frei, eine Voranmeldung zum Symposium jedoch erforderlich. Anmeldungen nimmt Karin Redecker von der Volksbank im Haus der Immobilie entgegen (Tel. 05231 – 708 200).

 

 

 

Zusammenfassung Schulpsychologe Dr. Josef Hanel
Wegen des großen Interesses musste die Veranstaltung kurzfristig vom Haus der Immobilie in die Aula des Grabbe-Gymnasiums verlegt werden. Dr. Bueb spricht vor ca. 500 Besuchern, davon üben nach seiner Befragung etwa die Hälfte einen pädagogischen Beruf aus.  Praktiker würden seine Thesen selten angreifen, wohl aber würden die Theoretiker dies gerne tun, meint Bueb dazu.

Beginn

  • Bezogen auf die 68-er-Generation: Die Kinder von Karl Marx und Coca-Cola.
  • Aufhebung des kindlichen Lebensraumes durch die Medien (Neil Postman: Das Verschwinden der Kindheit) wie schon im Mittelalter.
  • Disziplin und Glück, gemeint ist Glück der Anstrengung.

Einige Prinzipien im Internat Salem.

  • Die Primärtugenden: Streben nach Wahrheit, Nächstenliebe etc. sind wichtiger als die akademische Bildung.
  • Jugendliche erhalten Ämter übertragen und erleben auf diese Art das Glück der Anstrengung.
  • Das Lernen durch Erfahrung ist dem Lernen durch Belehrung wesentlich überlegen.
  • Die Erlebnispädagogik ist eine zwingende Voraussetzung für Behaltensleistungen und Persönlichkeitsbildung. 14 Tage vor Ostern oder vor Pfingsten muss sich jeder Jugendliche einer Gruppe Abenteuerurlaub anschließen. Bedingungen: Nicht mehr als 500 € Kosten, 14 Tage Übernachtung im Freien, Selbstverpflegung, Selbstorganisation.
  • Mit Heranwachsenden sollte man nicht diskutieren, ob sie ein Theaterstück oder ein Konzert besuchen, sondern man sollte es einfach festlegen.

Prinzipien in der Schlossschule Salem und Prinzipien in Hauptschulen in
Berlin.

  • Wichtig ist das Glauben an die Zukunft.
  • Manchen Heranwachsenden sollte man die Chancen der Strafe nicht vorenthalten…
  • Strafe ist nicht gleich Liebesentzug, dieser ist wesentlich schlimmer.
  • Wie in Salem mit dem Verdacht auf Drogen und Einfluss von Alkohol begegnet wird.
  • Forderungen an die Bildungspolitik: Ganztagsschulen.
  • Das Spiel ist der Königsweg.
  • Bueb wendet sich gegen den Vorwurf, dass die beste Erziehung von der Mutter am Nachmittag geleistet wird. In Bildungsfamilien werden viele Kinder schon um 15 Uhr irgendwohin gekarrt, um irgendein Angebot wahr zu nehmen. Dieses Angebot kann auch in der Schule liegen.
  • Entscheidend ist die Person des Lehrers, die auch Erzieher ist. Die Pädagogen müssten bis 17 Uhr in der Schule bleiben und natürlich über einen Arbeitsplatz verfügen.
  • Das Wort von Karl Marx trifft auch hier zu: Sein schafft Bewusstsein.

 

 

Aussprache
Wenn Bueb Bildungsminister wäre, würde er die Türen aus den Klassenzimmern aushängen lassen. Zumindest Jahrgangsteams müssten gebildet werden. Lehrer sind nicht nur Pädagogen, sondern sie sind auch Menschenführer. Natürlich kostet die Organisation eines Ganztagsbetriebes Geld.

Hinweis auf alltägliche Erziehungssituationen. In manchen Belangen braucht keine Diskussion stattzufinden, manche Gewohnheiten oder Rituale sind eben so und basta! Lehrer sollten sich mit den Eltern verbünden, damit sie wesentlich mehr Einflussmöglichkeiten haben (siehe Waldorfschulen).

Einwände gegen sein Buch „Lob der Disziplin“ hebelt Bueb aus mit der Feststellung, dass vor allem Praktiker seinen Prinzipien zustimmen. Gegenwind kommt höchstens von der akademischen Pädagogik. Besonders auch jüngere haben Verständnis für seine Haltung in Sachen „Lob der Disziplin“.

 

 

Artikel in der LZ

Dr. Bernhard Bueb hält Plädoyer für mehr Disziplin in der Erziehung
Abschied von der Belehrungsschule

Detmold (ts). Eine Streitschrift hatte er geschrieben, doch streiten wollte sich am Ende des Vortrages von Dr. Bernhard Bueb (sprich: Bu-eb) niemand. Im Gegenteil, die Thesen des bekannten Pädagogen, der mehr als 30 Jahre lang das Eliteinternat Salem geleitet und dessen Buch »Lob der Disziplin « eine bundesweite Debatte
ausgelöst hat, stießen vor allem auf Zustimmung und wohlwollendes Kopfnicken. Bis auf den letzten Platz besetzt war die Aula des Grabbe-Gymnasiums, zahlreiche Zuhörer nahmen sogar mit Stehplätzen Vorlieb oder setzten
sich auf die Treppen, um die provokanten Thesen Buebs zu hören.

Der Verein für Schulpsychologie hatte in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Jaenicke und der Volksbank zu dieser Veranstaltung eingeladen, die wegen des großen Interesse vom »Haus der Immobilie« in die Schulaula verlegt wurde. Und was die Besucher, mehr als ein Drittel davon Lehrer, wie eine von »Lippe aktuell« initiierte Blitzumfrage ergab, zu hören bekamen, überraschte zunächst. Jedenfalls diejenigen, die mit Disziplin vor allem negative Vorstellungen assoziierten.

 Mit leiser, unaufgeregter Stimme stellte Bernhard Bueb die Liebe in den Mittelpunkt der Erziehung. Er beklagte das Verschwinden der Kindheit, durch die viel zu frühe Konfrontation mit Gewalt und Sexualität im Fernsehen, bei Computerspielen oder im Internet. Außerdem werde Geld immer mehr zum alleinigen Wertmaßstab, Religionen oder Ideologien als Korrektiv fehlten. »Die Kinder und Jugendlichen von heute können  unter diesen Voraussetzungen keine Hoffnung auf einen Sieg der guten Kräfte entwickeln«, sagte Bueb. Daraus
resultiere eine Grundhaltung, die er als »Ich-Alles-Sofort-Generation « charakterisierte.

Um jungen Menschen den Sinn von Disziplin, die als Sekundärtugend niemals Selbstzweck sein dürfe – dadurch pervertiere man sie – nahe zu bringen, müsse man sich von dem in Deutschland gängigen Grundsatz der »Belehrungsschule « verabschieden.

Wichtiger als die akademische Bildung sei die Charakterbildung der Schüler und die könne man am besten durch Üben und Übergabe von Verantwortung vermitteln. Als Beispiel nannte er eine 16-jährige Schülerin mit starker Abneigung gegen Türken, die bei den in Salem obligatorischen sozialen Diensten dazu verdonnert worden war, türkischen Mädchen Nachhilfe zu geben. »Dabei hat sie die Liebe der kleineren Mädchen kennen gelernt, die sie
angehimmelt haben, die Hilfsbereitschaft, der türkischen Brüder und die Gastfreundschaft der türkischen Familie und ohne je ein einziges Wort der Belehrung gehört zu haben hat sich ihre Einstellung geändert«. Dieses Verfahren funktioniere aber nicht nur in Eliteschulen, er kenne eine integrative Hauptschule, an der jeder Neuntklässler für die Betreuung eines behinderten Kindes zuständig sei. »An dieser Hauptschule finden 70 Prozent der Abgänger eine Lehrstelle. Nicht weil sie besser in Mathe oder Deutsch sind, als die Schüler anderer Schulen, sondern weil sie mehr Selbstvertrauen haben«.

Autorität als rechtmäßig ausgeübte und durch Liebe gerechtfertigte Macht müsse in den Mittelpunkt der Erziehung rücken. Dazu gehören nach seiner Ansicht auch Strafen, die als letztes Mittel angewendet werden müssten. Wichtig sei dabei, dass diese Strafen vorher bekannt und angemessen sein müssen. Außerdem sollten sie sofort erfolgen und nach ihrer Ableistung müsse das Vergehen gesühnt sein. Als wichtigstes Instrument für eine bessere Pädagogik forderte Bueb die flächendeckende Einführung der obligatorischen Ganztagsschule, wie sie in den meisten westlichen Ländern Gang und Gäbe sei. Dabei hätten Lehrer und Schüler wechselseitig die Möglichkeit, sich bei den spielerischen Aktivitäten am Nachmittag neu zu entdecken.

Vor allem Kinder aus sozial schwachen, bildungsfernen Schichten würden davon profitieren, genauso wie Alleinerziehende  und Frauen, die wieder mehr Zeit für Berufstätigkeit oder zur eigenen Erholung hätten, doch auch das Nachmittagsprogramm in Familien mit zugewandten Eltern könne nicht leisten, was in der Schule passiere. »Wenn ich Kultusminister wäre, würde ich die Person des Lehrers in den Mittelpunkt stellen«, sagte Dr. Bernhard Bueb. Er forderte die Anwesenden auf, die Bildungspolitik nicht länger der Politik zu überlassen, die in der Regel nur Mängel verwalte und auf Katastrophen wie PISA reagiere, sondern sich mit den Eltern zu verbünden. »Erziehung und Bildung muss in unserem Land oberste Priorität haben und wir müssen viel mehr Geld dafür ausgeben«, schloss Bueb seinen Vortrag.