17. Detmolder Symposium für Pädagogik und Psychologie am 26.11.2008
Prof. Dr. Rainer Dollase: Lernen mit Lust - Welche Maßnahmen sind sinnvoll?
Dokumentation Dr. Josef Hanel

 

Schulpsychologe Dr. Josef Hanel

Etwa 200 Personen haben sich am Mittwochabend, 26.11.2008, im Panoramasaal der Volksbank eingefunden, um Prof. Dr. Dollase zum Thema „Lernen mit Lust“ zu hören. Sie wurden nicht enttäuscht, da es Dollase als Mann des Wortes meisterhaft versteht, die Zuhörer zu fesseln. In ihrer Begrüßung fragte Renate Löffler, Vorsitzende des Vereins für Schulpsychologie Detmold, wie Lernen mit Lust möglich sein soll, wo doch die Spaßgesellschaft mit den riesigen Unterhaltungsmöglichkeiten etwas anderes verspricht. Hat Lernen nicht auch etwas mit Verzicht zu tun? Und wie soll man da zur Lust kommen?

 

Dr. Josef Hanel            Renate Löffler             Prof. Dr. Dollase

 

Dollase sieht eine Reihe von Möglichkeiten, wie die Voraussetzungen für das Lernen in Elternhaus und Schule optimiert werden können, damit Lernen mit Lust wahrscheinlicher wird. Im Elternhaus sollte man sich auf die autoritative Erziehung besinnen und in der Schule auf das Kerngeschäft eines jeden Pädagogen, nämlich auf das fachlich gute Unterrichten.
Die Prävention als Verhinderung von Problemen hat sich als Irrweg herausgestellt. Wir werden in den Schulen immer fachspezifische Gruppen benötigen, die ggf. reparieren müssen. Auch die Selbstbestimmung beim Lernen ist ein Irrtum. Kinder brauchen immer Anleitung im schulischen Lernprozess. Zu einer gut gemeinten Autorität bei Eltern und Lehrern muss die vorbehaltlose Zuwendung zum Kind gelebt werden. Dabei kann es Störungen geben. Folglich werden Fachleute von außen gebraucht, Experten, z. B. aus der Schulpsychologie. Natürlich geht das nicht ohne Kosten, aber das Geld zu investieren lohnt sich.

Dollase geht auf Kernpunkte einer guten Erziehung ein und fixiert sich auf die autoritative Erziehung, gepaart mit positiver Zuwendung zum Erziehenden. Für ihn ist immer wieder verblüffend, wie viel die alten Weisheiten aus der Psychologie, z. B. die Hierarchie der Bedürfnisse von MASLOW, Gültigkeit behalten haben. Man muss auch als Schüler zunächst die grundlegende Sicherheit genießen, als Mensch angenommen zu werden, bevor man sich uneingeschränkt dem Lernprozess öffnen kann.

Missstände, die z. B. durch die PISA-Untersuchung aufgedeckt wurden, gehen in der Regel nicht vorüber, wenn man Strukturen ändert, sondern wenn man das Unterrichtsgeschehen verbessert. Eine Meta-Analyse von zigtausend wissenschaftlichen Arbeiten über das Erziehungsgeschehen in den Schulen bringt dies ganz deutlich zum Ausdruck. Es ist weniger relevant, ob wir ein Gesamtschulsystem haben, ob wir die Schüler separieren, wie die Schule organisiert ist, vielmehr ist das zentrale Unterrichtsgeschehen von eminenter Bedeutung und damit die Persönlichkeit der Lehrkraft, die Organisation des Unterrichtes, die Motivationslage beim Unterrichtenden und beim Schüler.

Jeder Pädagoge benötigt ein gerütteltes Maß an Klassenmanagement-Funktionen. Jeder Pädagoge muss die Fähigkeit haben, eine Klasse zu führen. Als Grundlage des pädagogischen Handelns ist die Beschäftigung mit Psychologie unabdingbar: Entwicklungspsychologie, Lernpsychologie, Beratungspsychologie.

Natürlich ist es richtig, wenn Pädagogen Lernstandserhebungen durchführen - also auch über Diagnostikinstrumente verfügen - um ihre eigene Arbeit evaluieren zu können. Pädagogen müssen ein heftiges Interesse daran haben, was bei ihren Unterrichtsbemühungen herauskommt. Dollase erinnert daran, dass das Kultusministerium noch in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts genau dies unter Strafe gestellt und pädagogische oder psychologische Leistungstests verboten hat. Ein Umdenken ist also auch in einer von Bürokratie geprägten Schule möglich.  

Die Schulpsychologie darf in unserem Land nicht weiter ein Schattendasein führen. Auch nach den 50 neuen Stellen in NRW liegt Deutschland in der Relation Schulpsychologie zu Schülerschaft im europäischen Vergleich an vorletzter Stelle, nur der Inselstaat Malta weist eine ungünstigere Relation auf. Würde Detmold dem Beispiel von Helsinki in Finnland folgen, müssten nicht 2,5, sondern 6,6 Stellen eingerichtet werden. Und im Vergleich mit dem Kanton Zürich müssten 8 Stellen Schulpsychologie vorhanden sein.

Dollase erhielt für seine eloquenten Ausführungen lang anhaltenden Beifall aus dem Publikum. In der anschließenden Aussprache wurde betont, dass sich Schule weiter entwickeln muss, sowohl in der Lehrerausbildung wie auch in der Beteiligung von Professionen, die die Pädagogik ergänzen können. Die Schulpsychologie als wichtiges Unterstützungssystem für Schule gehört in erster Linie dazu.

 

Lippische Landeszeitung am 28.11.2008

Die Fähigkeit, eine Klasse zu führen
Prof. Dr. Dollase beim 17. Symposium für Pädagogik und Psychologie

"Hat Lernen nicht eigentlich auch mit Verzicht, mit Anstrengung zu tun?", fragte Renate Löffler, Vorsitzende des Vereins für Schulpsychologie Detmold. Gemeinsam mit dem Schulpsychologischen Dienst der Stadt Detmold und der Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold veranstaltete der Verein am Mittwochabend das 17. Symposium für Pädagogik und Psychologie.

Professor Dr. Rainer Dollase, der sich zu Beginn seines Vortrags als "Lobbyist ersten Ranges" bezeichnete, ging der Frage nach, welche Maßnahmen sinnvoll sind, wenn es um "Lernen mit Lust" geht. "Gute Erziehung, guter Unterricht und ein schönes Leben unterhalb des Hochschulabschlusses", so fasste der Professor, der lange in der Lehrer- und Psychologieausbildung tätig war, seine Antwort zunächst zusammen.

"Gute Erziehung" basiere auf einem autoritativen Erziehungsstil: "Eine Kombination aus Wärme, Zuneigung, Interesse an dem Heranwachsenden und Lenkung, die auf Kompetenz beruht", so Dr. Dollase. Dadurch würden sowohl Selbstvertrauen als auch soziale Kompetenz gesteigert. "Guter Unterricht" sei nicht nur eine Entscheidung zwischen Frontal- und Gruppenunterricht.

Hier sei Klassenmanagement von jedem Pädagogen gefragt: "Das ist die Fähigkeit eines Lehrers, nicht nur ein Kind erziehen zu können, sondern mehrere gleichzeitig." Lehrer brauchten neben "Komplex-, Wahrnehmungs-, Kontaktkapazität und personaler Geräumigkeit" in erster Linie die Fähigkeit, eine Klasse zu führen. Zudem liege viel Druck im Gesellschaftsystem: "Für uns ist das Bildungsniveau unseres Gegenübers das entscheidende Kriterium, um diese Person zu bewerten", meinte der Redner und betonte, dass es keine besser Erziehung und Bildung durch "deindividuierte Steuerung und Entpsychologisierung" geben könne.

Ehrlichkeit und Respekt gegenüber jedem, unabhängig vom Bildungsniveau sei von Wichtigkeit. Dafür sei eine "Einheit in Handlung und Wissenschaft" notwendig, so dass Prof. Dollase mit der Forderung schloss: "Personen vor Strukturen! Mehr Psychologie!"