Dokumentation - Dr. Josef Hanel
26. Detmolder Symposium für Pädagogik und Psychologie
8. November 2017
19 Uhr Alte Aula im Leopoldinum Detmold
Referentin: Dr. Julia Behrens
Thema: Schule 4.0 - Wann kommt die digitale Bildungsrevolution?

 

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Julia Behrens ist seit 2012 Projektmanagerin der Bertelsmann Stiftung. Als promovierte Pädagogin beschäftigt sie sich seit über zehn Jahren mit den Themen Lebenslanges Lernen, Weiterbildung und Bildungspolitik. Sie arbeitet schwerpunktmäßig zu Fragen der Digitalisierung von Bildung und Lernen und entwickelt im Rahmen des Projekts „Teilhabe in einer digitalisierten Welt“ einen Monitor Digitale Bildung in Deutschland.

Es mehren sich die Stimmen, dass sich deutsche Schulen zu wenig für das digitale Lernen interessieren und damit eine Belastung unseres Wirtschaftsstandortes darstellen, wo schon längst die Wirtschaft 4.0 eingeläutet ist. Kritiker behaupten sogar, dass die Schulen unseres Landes die Kinder mit veralteten Lehrmethoden auf die Vergangenheit eines Obrigkeitsstaates vorbereiten und nicht auf die Zukunft. Der herkömmliche Frontalunterricht würde die Kinder, die - ob sie es wollen oder nicht - mit den Neuen Medien aufwachsen, sehr schnell zu einem „Stand-By“ verführen und ihre Kreativität nicht genügend anregen. Kreativität sei jedoch der Schlüssel für die Schule 4.0.

Viele Schulen sind immer noch stolz auf ihren Computerraum, aber der sei längst ebenso überholt wie das Sprachlabor, so die Meinung namhafter Wissenschaftler. Sie fordern für jeden Schüler ein Notebook mit eigener Identität, mit eigener Cloud, mit individuellem Stundenplan und mit einem ganz speziellen Aufgabenprofil, welches seine Motivation, seine Begabungen und auch seine eigenen Defizite als Ausgangsbasis hat.

Ist das digitale Lernen jetzt tatsächlich das „Non-Plus-Ultra“ in unseren Schulen, um das sich alles zu drehen hat? Fachleute sehen das so und die Bundesregierung erkennt ebenfalls einen deutlichen Reformstau mit Blick auf den Wirtschaftsstandort Deutschland. Liegen wir im europäischen Vergleich wirklich zurück? Oder machen wir uns unnötige Sorgen wie schon vor mehr als 500 Jahren, als der Buchdruck das Lernen revolutionierte?

Die Bertelsmann-Stiftung kennt den Stand des digitalen Lernens im europäischen Vergleich und wirbt – ernüchtert – um ein deutliches und schnelles Umdenken. Wie wir uns eine sinnvolle Nutzung von Smartphone, Tablet und Internet im Schulalltag vorstellen können und wie das didaktische Potential der Neuen Medien ausgeschöpft werden kann, darauf möchte das 26. Detmolder Symposium eine Antwort geben. Aber, gut Ding will Weile haben, sagt der Volksmund – oder etwa nicht Frau Dr. Behrens?

Etwa 70 Teilnehmer aus Schulen und der interessierten Öffentlichkeit folgten der Einladung zum 26. Detmolder Symposium. Schulleiterin Jutta Posselt und Dr. Josef Hanel führten durch das Programm. Eine engagierte Schülergruppe bildete den Auftakt mit ihrer Sichtweise zur Digitalisierung im Bildungsgeschehen, während im Hintergrund eine Karikatur aus der Frankfurter Rundschau zu sehen war:



Referentin Julia Behrens ging in ihrem Vortrag auf die Fragen der Schüler ein und ließ keinen Zweifel, dass die Digitalisierung in irgendeiner Form kommen wird und dass interessierte Pädagogen/innen gut beraten sind, wenn sie sich in ihrem Kollegium Verbündete suchen und so viele von der Vorteilen der Digitalisierung überzeugen würden.
Behrends wies darauf hin, dass die Wirtschaft schon längst die Zeichen der Zeit erkannt habe und mit Macht in die Digitalisierung der Arbeitswelt steuere. Schulen in Deutschland würden der Entwicklung im Vergleich zu vielen Ländern in Europa und in der Welt deutlich hinterher hinken. Und zudem müssten wir auch noch nach der aktuellen Bildungsstudie auf nach-lassende Leistungen in den Grundschulen reagieren. Hier biete gerade die Digitalisierung die Möglichkeit, individuelle Lernpläne einzusetzen, die der Lehrkraft Zeitfenster für die enge Lernbegleitung eröffneten.
Die anschließende Fragerunde wurde von den Teilnehmern ausgiebig genutzt. Julia Behrends ging darauf gerne ein und beeindruckte gleichermaßen mit Geduld, wohltuender Empathie und Sachkenntnis. Nach anregenden zwei Stunden klang das 26. Symposium im Foyer aus. Buchhändler Jaenicke konnte 25 Bücher verkaufen.
Buchhinweis
Jörg Dräger/Ralph Müller-Eiselt: Die digitale Bildungsrevolution. DVA 2017; 17,99 €

Die Möglichkeiten der digitalen Bildungsrevolution würden sehr gut mit der Initiative des Vereins „Förderung von Kindern mit Lernerschwernisssen in Grundschulen neu denken“ zu verbinden sein. Dieses Thema wird unser Arbeitsschwerpunkt in 2018 sein.
Die Lippische Landeszeitung berichtete am Samstag, 11. November 2017
von Till Sadlowski
Das Warten auf die „Schule 4.0“
Bildung: Dr. Julia Behrens von der Bertelsmann-Stiftung referiert beim 26. Symposium für Pädagogik und Psychologie. „Die Digitalisierung kommt, ob es uns gefällt oder nicht“, sagt sie. Es gelte, die Vorteile daraus zu nutzen.

Detmold. Mit Technologie kann der Schulunterricht verbessert werden, da ist sich Dr. Julia Behrens von der Bertelsmann Stiftung sicher. Sie referierte beim 26. Detmolder Symposium für Pädagogik und Psychologie in der alten Aula des Leopoldinum auf Einladung des Vereins für Schulpsychologie. Ihr Thema „Schule 4.O—Wann kommt die digitale Bildungsrevolution?"

Behrens warb vor allem für die Chancen, die die Digitalisierung den Schulen bieten könne. „Die Digitalisierung kommt so oder so, ob es uns gefällt oder nicht", gab sie zu verstehen Die Frage sei, was man daraus mache.

Mit Hilfe von Clouds und gemeinsamen Plattformen könne beispielsweise für jeden Schüler ein individueller Unterrichtsplan zusammengestellt werden, der die einzelnen Stärken fördere und bei Schwächen nachhelfe. Mehr Lehrpersonal brauche es dafür nicht, da auch die Lehrer die Technologie nutzen könnten. Auch die visuelle und spielerische Veranschaulichung von Lehrinhalten - etwa ein dreidimensional projiziertes Organ im Fach Biologie - könnte dem Unterricht zu völlig neuer Qualität verhelfen, betonte Behrens.

 

Dabei gehe es nicht darum, jeden Aspekt des Unterrichts zu digitalisieren, sondern darum, die Lerninhalte und Lernmethoden besser umzusetzen „Lernen ist ein sozialer Prozess", stellte die promovierte Pädagogin klar. Allerdings könnten Lehrer in Zukunft eher Lernprozesse als Inhalte vermitteln. Wenn der Lehrer seinen Schülern also das Material online zur Verfügung stelle, könne er den Schülern bei Fragen wie „Wie erkläre ich das?" zur Seite stehen

Einige Schüler äußerten vor Beginn des Vortrags ihre Sicht auf das Thema, stellten allerdings auch Fragen nach der Finanzierung, der Betreuung und dem Datenschutz. Eine der Voraussetzungen dafür sei laut Behrens allerdings ein verlässlicher lT-Server an Schulen. Sollten technische Probleme auftreten, müssten kompetente Menschen vor Ort sein.

Es gehe aber nicht nur darum, genug Informatiklehrer und Service-Personal zu haben, sondern vor allem IT-geschultes Lehrpersonal. Auch die Frage nach den Kosten für
aufwändige Systeme sei dabei nicht zielführend: Es ist typisch, gleich zu denken, dass in jedem Klassenzimmer Gerätschaften Installiert werden müssen. Weil ja auch im Vergleich in jedem Raum eine Tafel steht" Wichtiger sei aber, gezieltere Anschaffungen zu tätigen.

Sie wisse allerdings auch, sagte Behrens, wie schwer die Auseinandersetzung mit den Trägern der Schulen und den Kreisen sein kann. „Der Kreis Lippe bewegt sich da gerade ganz massiv", versicherte die im Publikum anwesende Saskia Frei-Klages der Geschäftsstelle Regionales Bildungsnetzwerk. Allerdings sei auch für den Kreis die Lage komplex. Behrens räumte ein, dass eine simple Lösung im Moment nicht so einfach greifbar sei. „Hartnäckig bleiben, immer wieder nachfragen“, appellierte sie an alle Anwesenden.