21. Detmolder Symposium für  
       Pädagogik und Psychologie

Dokumentation
Dr. Josef Hanel

Veranstalter:
Verein für Schulpsychologie Detmold e. V.        

Mittwoch, 14. November 2012, 19.00 Uhr
Veranstaltungsraum im Haus der Immobilie
Bismarckstraße 10, 32756 Detmold

Wolfgang Vogelsaenger, Schulleiter in Göttingen

Thema:    Neue Lust auf Schule
                 Deutscher Schulpreis 2011

Eintritt frei

 

Der Deutsche Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung und der Heidehof-Stiftung wird seit 2006 an Schulen verliehen, die sich mit innovativen Konzepten, aber auch mit Mut und Engagement den Herausforderungen der Zukunft stellen. Der Hauptpreis in Höhe von 100.000 € wurde 2011 Eltern, Lehrern und Schülern der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule in Göttingen zugesprochen.


Foto: LZ - Beckschäfer

Der Schulleiter dieser Gesamtschule, Wolfgang Vogelsaenger, berichtet im 21. Detmolder Symposium schwungvoll und mit Humor über die Besonderheiten an seiner Schule. Wenn eine Schule von sich berichten kann, dass fast alle Lehrkräfte erst mit 65 Jahren in Pension gehen und dieser Schule darüber hinaus als Pensionäre weiter dienen möchten, dann muss schon viel Lust an der Schule im Spiel sein. Auch die Leistungsbilanz spricht für sich, so stammt die beste Abiturientin Niedersachsens von dieser Schule.

 

Die Göttinger Gesamtschule unterscheidet sich in vielen Facetten von einer herkömmlichen Schule. Abschulen gibt es schon deshalb nicht, weil nicht nach Leistung - auch nicht nach     A-, B-und C-Gruppen - sortiert wird. Sitzenbleiben ist tabu, Noten gibt es bis zur Mitte der 8. Klasse ebenso nicht. Stattdessen kommen Schüler, Lehrer und Eltern in ihren “Tischgruppen“ mehrmals im Jahr zum Dialog über mehr und weniger Erreichtes zusammen. Der Erfolg, in vielen Leistungsvergleichen nachgewiesen, wird erreicht, nicht obwohl, sondern weil die Schüler nicht nach Leistung sortiert werden, so Vogelsaenger.

Die Tischgruppe ist das zentrale Prinzip des Lernens: Je sechs Schüler, stärkere und schwächere, sitzen und arbeiten an einem Tisch zusammen. Von der 5. bis zur 10. Klasse lernen Haupt- und Realschüler gemeinsam mit Gymnasiasten. Die Gruppen bleiben ein halbes Schulhalbjahr in dieser Konstellation und rotieren dann, damit jeder jeden kennenlernt.

Das gegliederte Schulwesen setzt auf homogene Lerngruppen, die es nach Meinung von Vogelsaenger ohnehin nicht wirklich gibt. Jede Klasse eines Gymnasiums ist bei genauerem Hinsehen heterogen, eben weil jedes Kind unterschiedlich ist. Das Wesentliche einer Tischgruppe ist die Teamarbeit: der Schwächere lernt vom Stärkeren und der Stärkere profitiert davon, weil er den verstandenen Lernstoff durch die Weitergabe besser behält. Lernen geschieht am nachhaltigsten, wenn jemand dem anderen etwas erklären kann  – eine Anwendung von Erkenntnissen aus der Lernpsychologie. Der gut begabte Schüler wird also keineswegs durch die geringer begabten Schüler ausgebremst, im Gegenteil.

 


Dr. Hanel im Gespräch mit Vogelsaenger
Foto: LZ - Beckschäfer

 

Jedes Kind ist einzigartig, auch unterschiedlich, aber jedes Kind  übernimmt an „seiner“ Stelle Verantwortung für sich. Den gleichen Anspruch fordern für sich auch Lehrer, Eltern und alle, die an der Schule beteiligt sind. Es ist die „Haltung“, die diese Schule von anderen unterscheidet.

 

In der nachfolgenden Aussprache und ebenso später im informellen Teil im Foyer der Volksbank machte sich eine gelockerte Stimmung breit, wohl weil der Bericht von Vogelsaenger Mut macht: Schule kann auch anders organisiert werden. Und wenn eine Schule sich gemeinsam auf einen neuen pädagogischen Weg macht und zu erwartende Widerstände der Schulaufsicht überwinden kann, ja dann  führt die Arbeit mit Kindern zu großer Zufriedenheit. Ein exzellentes Unterrichtskonzept ist überall möglich, nicht nur in Göttingen.

Leider waren nicht alle Plätze im Panoramasaal besetzt. Die anwesenden Lehrkräfte stimmten jedenfalls mit dem Veranstalter überein: Wolfgang Vogelsaenger hat wieder Lust auf Schule gemacht!

 

 


Vortrag im Panoramasaal
Foto: Hanel

 


Gespräche im Foyer
Foto: Hanel

 

 

Lippische Landeszeitung vom 16. November 2012, Seite 12

 


Foto: Beckschäfer

 

Interview in der LZ vom 16. November 2012
LZ-Mitarbeiter Andreas Beckschäfer

Schulleiter Wolfgang Vogelsaenger
aus Göttingen stellt sein Konzept
in Detmold vor.

„Ich halte überhaupt nichts von Zensuren“

 

Geht seinen eigenen Weg:
Wolfgang Vogelsaenger plädiert dafür, leistungsstärkere und -schwächere Kinder gemeinsam lernen zu lassen.

 

Seine Schule hat 2011 den Deutschen Schulpreis bekommen. Nun war Wolfgang Vogelsaenger, Direktor der Integrierten Gesamtschule Göttingen, in Detmold zu Gast und sprach über das Konzept.

Detmold. Der Vortrag zum Thema „Neue Lust auf Schule“ fand anlässlich eines Symposiums des Vereins für Schulpsychologie Detmold im „Haus der Immobilie“ statt. Im Vorfeld gab Vogelsaenger der LZ ein Interview.

Wofür gab es den Schulpreis?
Wolfgang Vogelsaenger: Für ein 40 Jahre altes Konzept, das ist das Erstaunliche. Auf die Frage der Jury nach unserem Schulentwicklungsprozess konnte ich sagen: Wir haben es geschafft, alles, was in dieser Zeit vom Schulministerium gekommen ist, abzuwehren.

Was sind die Inhalte ihres Konzeptes?
Vogelsaenger: Wir sind eine  Schule für alle Kinder. So wie die Göttinger Bevölkerung strukturiert ist, so sind auch unsere Anteile an Schülern mit Empfehlungen für die unterschiedlichen Schulformen. Bei uns lernen die Mädchen und Jungen in Tischgruppen von je sechs leistungsstärkeren und leistungsschwächeren Kindern. Diese Gruppen repräsentieren das deutsche Schulsystem: Da lernt der zukünftige Maurer mit dem zukünftigen Architekten.

Eltern sorgen sich häufig, dass ihre Kinder nicht genug gefördert werden, weil die Entwicklung der leistungsstärkeren Schüler von leistungsschwächeren gehemmt wird...
Vogelsaenger: Das kommt von alten Vorurteilen, in der sich die Mittel- und Oberschicht abgegrenzt  haben. Darauf fußt auch die Einführung des viergliedrigen Schulsystems. Man kann natürlich nicht einfach sagen: Wir sperren die zusammen, dann wird da schon was draus. Aber unsere Konstruktion mit Lernteams zeigt: Die Stärkeren profitieren enorm, indem sie den Schwächeren etwas erklären.

 

Gibt es Fakten, die ihre Einschätzung stützen?
Vogelsaenger: Bis Mitte der achten Klasse gibt es bei uns keine Noten. Beim ersten Zentralabitur sind wir, verglichen mit allen Gymnasien und Oberstufen, trotzdem unter den besten zwei Prozent in Niedersachsen gewesen. Zum dritten Mal haben 25 Prozent der Schüler, die bei uns Abitur machen, eine Eins vorm Komma. Dreimal hatten wir die beste Schülerin Niedersachsens. Da kann man nicht meckern.

Die fehlende Notengebung wird häufig als weltfremd bezeichnet. Was entgegne Sie?
Vogelsaenger: Ich halte überhaupt nichts von Noten. Noten verteilen Chancen in der Gesellschaft, damit wollen wir nichts zu tun haben. Ich muss Lernprozesse begleiten, den Schülern Rückmeldung geben, was sie besser machen können.

Aber am Ende geben sie dann ja doch Noten.
Vogelsaenger: Weil wir es müssen, weil es gesetzlich so geregelt ist. Wir müssen den Kindern, die von der Grundschule kommen, den Kampf um Noten abgewöhnen. Die stellen teilweise Ordner auf, damit niemand abguckt. Da sieht man: Ab der dritten Klasse beginnt für Kinder der Stress – das ist doch pervers. Ich würde gern auf Noten verzichten, fände es gut, wenn die Universitäten und Betriebe Aufnahmetests machen würden.

Wie vermitteln Sie Ihre Besonderheiten den Eltern?
Vogelsaenger: Die Tischgruppen sind der Kern unseres Lernkonzepts, da docken wir auch die Elternarbeit an. Jede Tischgruppe trifft sich viermal im Jahr bei einem der Schüler Zuhause. Da besprechen dann sechs Kinder, zwei Lehrer und die Eltern die Situation der Kinder gemeinsam. Für die Lehrer ist das ein Heidenaufwand, bringt aber unheimlich viel, weil der Kontakt so eng ist.

Ihr Konzept ist spätestens seit dem Preis anerkannt. Warum setzt es sich nicht durch?
Vogelsaenger: Ich weiß es nicht. Es gibt tausend Modellversuche, die auslaufen und nicht in die Breite gehen. Es gibt noch keine gemeinsamen Kriterien dafür, was „gute Schule“ bedeutet. In Schweden etwa ist man parteiübergreifend zu einem Verständnis davon gekommen. In Deutschland geht das offensichtlich nicht.

Hier in Lippe sind Sekundarschulen ein viel diskutiertes Thema. Wie ist ihre Meinung zu dieser Schulform?
Vogelsaenger: Es gibt dazu ein schönes Sprichwort der Dakota-Indianer: Wenn man auf einem toten Pferd sitzt, soll man absteigen. Und nicht versuchen, es mit Peitschen anzutreiben. Zwei tote Pferde wie Haupt- und Realschule – das gilt natürlich noch nicht für alle Regionen – aneinander zu schirren, bringt nicht weiter.

Wie stellen sie sich die Schullandschaft der Zukunft vor?
Vogelsaenger: Weite Trends in Deutschland zeigen, dass die Eltern ein Gymnasium wollen. Aber eines, das nicht gleich aussortiert und selektiert. Und sie wollen eine andere Schulform, eher eine Gesamtschule, die mehr Zeit lässt und alle Kinder mitnimmt. Darauf wird es hinauslaufen.
Das Interview führte LZ-Mitarbeiter Andreas Beckschäfer.