13. Detmolder Symposium für Pädagogik und Psychologie am 10.11.2004
TV-Moderatorin Petra Gerster und Christian Nürnberger:
Warum wir wieder über Erziehung reden sollten
Dokumentation Dr. Josef Hanel

Harmonie im Dilemma
Von Stefan Derschum
Quelle: LIPPISCHE LANDES-ZEITUNG NR. 265, FREITAG, 12. NOVEMBER 2004
Konsens beim Symposium mit Petra Gerster zeigt Hilflosigkeit in der Bildungs- und Erziehungsmisere
Detmold. Das größere Dilemma ist die passive Einvernehmlichkeit über die Existenz eines anderen Dilemmas. Denn die bis hin zu einer Einheitsmeinung harmonisierte Meinungsvielfalt dokumentiert nichts anderes als eine akademische Form der Hilflosigkeit. Entdeckt in einem kollektiven Kopfnicken als Bestätigung analytischer Beschreibungen des Ursprungsdilemmas. Empfunden in einem breiten Konsens, Tenor: "So kann es nicht weitergehen".
Beobachtet am Mittwochabend während des 13. Detmolder Symposiums für Pädagogik und Psychologie. Fernsehmoderatorin Petra Gerster und ihr Mann Christian Nürnberger waren vom Verein für Schulpsychologie, dem Schulpsychologischen Dienst und der Volksbank eingeladen worden, um als Fachbuchautoren über den "Erziehungsnotstand" zu reflektierten. Und sie sprachen fast unwidersprochen ihre Wahrheiten aus.
Auftritt vor 200 Zuhörern im Haus der Immobilie: Christian Nürnberger. Der Mann, der mit Petra Gerster zwei eigene Kinder erzieht, ist - wie er selbst anführt - für die "entscheidenden Fragen" zuständig und beschreibt also die aktuellen Rahmenbedingungen, unter denen Erziehung stattfinden muss. Er wird ein düsteres Bild zeichnen. Er beschreibt ein Vakuum, das entstanden ist durch eine Verschiebung ursprünglicher Werte und das gefüllt wird durch "den Glauben an Markt und Technik".
Dieses Diktat des Marktes sei gar der "Beginn einer Wertezerstörung". Zustimmendes Raunen im Plenum. Dann wird der Mann der Fernsehmoderatorin kurz polemischer: "Eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche - die Werbeunterbrechungen". Beifall. Christian Nürnberger festigt in seiner Darstellung der Gesellschaft landläufige Annahmen; dass bei jedem Amokläufer sicher Egoshooter-Spiele im Zimmer zu finden seien, zum Beispiel.
Die statistische Seriosität dieser gerne angeführten Kausalität wird dabei vernachlässigt. Heute geht es um Wahrheiten. So changiert er lieber zwischen Nostalgie ("Der Kapitalismus hatte in der sozialen Marktwirtschaft der 70er Jahre noch ein menschliches Antlitz") und Ostalgie ("In der DDR hat sich wenigstens jemand gekümmert"). Christian Nürnberger warnt schließlich davor, dass in diesem Klima Werte nicht erkannt und gar verachtet würden und fordert, für den Erhalt der Werte zu kämpfen. Ein Pfeiler dieses Kampfes ist es, auch die Kinder in den Stand zu versetzen, für diese Werte zu kämpfen.
"Das ist Erziehung", definiert er und präzisiert abschließend: Werte müssten vorgelebt werden, um sie zu erhalten. Beifall. Auftritt der freundlichen Petra Gerster, die mit geschulter Moderatorinnen-Stimme gespielt spöttelt, dass sie als Frau nun für das Praktische zuständig sei. Sie erklärt, weshalb die beiden Bücher geschrieben worden sind: "Nach dem PISA-Schock erklärten uns die Politiker, dass das größte Problem die fehlenden Internetanschlüsse in den Schulen seien. Das ging uns auf die Nerven."
Das Ehepaar schrieb also die Bücher "Der Erziehungsnotstand" und "Stark für das Leben". Doch nicht als Autorin, sondern mit der Kompetenz einer zweifachen Mutter urteilt Petra Gerster: "Die Konsequenzen aus PISA kratzen nur an der Oberfläche von dem, was wir Erziehung nennen."
Dann spricht die Fernsehfrau die Kernthese: "Eine gute Bildung setzt eine gute Erziehung voraus." Und die Familie spiele dabei eine Schlüsselrolle. Konkreter: "Der erste Ort für Bildung ist die Familie." Petra Gerster referiert von der Wichtigkeit der ersten sechs Jahre der Erziehung und wird dafür in der anschließenden Diskussion Bestätigung vom Volksmund erhalten: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr." Sie gibt aber auch Tipps, wird - ganz Frau - fast praktisch.
Wie ein guter Start gelinge? Die Kinder müssten wieder zur Ruhe kommen. Petra Gerster betont Medienkompetenz, Spracherziehung als "wichtigsten Teil der Erziehung" und erhebt die Gute-Nacht-Geschichte zum mächtigen Instrument dieser Erziehung: "Durch Lesen werden wir stark fürs Leben".
Schlussendlich nennt sie die Bedeutung von Sport und Musik für die kognitiven Fähigkeiten der Kinder. Natürlich kein Widerspruch. Nur Beifall. Derart harmonisch schließt sich die offene Diskussionsrunde der Frontalfeststellung an. Es gibt keine kritischen Fragen, keine Spannung aus kontroversen Ansichten. Stattdessen weitere Feststellungen, die - wie zuvor - beklatscht, bejaht oder benickt werden.
Werte müssten praktisch vorgelebt werden. Schule müsse mehr sein als Unterricht: Kümmern. Es herrsche eine zu starke Selektion im Schulsystem. Die Klassen müssten länger zusammenbleiben, und sie sind ohnehin viel zu groß. Eltern zögen sich mehr und mehr aus der Verantwortung. Politik habe für Bildung zu wenig übrig.
Ein Spektrum an Wahrheiten. Einmal mahnen zwei Frauen, Lehrerinnen, mit den Schuldzuweisungen aufzuhören und sich an die eigene Nase zu packen. Doch bereits in den zweiten oder dritten Sätzen haben wieder die Politiker oder die Eltern die Verantwortung. Ein anderes Mal keimt kurz eine Dissonanz auf, als eine Zuhörerin das Konzept der Ganztagsschule kritisiert und Müttern die grundsätzliche Möglichkeit einräumen möchte, die drei ersten Jahre der Erziehung zu Hause zu bleiben. Petra Gerster widerspricht leicht erregt mit einem Hinweis auf die erfolgreichen Nachbarstaaten Deutschlands. Ein Kontroverse - kurz nur, aber beinahe angenehm, und sicher kein Dilemma.

Fotos
Andrea Schunk (Volksbank Detmold eG)