15. Detmolder Symposium für Pädagogik und Psychologie am 08.11.06
Prof. Dr. Pfeiffer: Thema: Medienverwahrlosung
Ursache von Schulschwierigkeiten. Was ist zu tun?
Dokumentation Dr. Josef Hanel

160 Personen im gut gefüllten Panoramasaal im Haus der Imobilie
viele Besucher aus Schule, Kindergarten, Politik und Verwaltung

Untersuchung aus dem Jahre 2005
Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen in Hannover

Schülerbefragung von 17.000 Neuntklässlern und 6.000 Viertklässlern, gut verteilt in den Bundesländern. Pfeiffer berichtet über die Rolle der Medien im Leben von Schülerinnen und Schülern der 4. bzw. der 9. Klasse und beleuchtet Zusammenhänge zwischen Mediennutzung und schulischer Leistung sowie anschließend zwischen Mediennutzung und Gewaltverhalten.

Mädchen  vorn
Mädchen übertreffen zzt. deutlich die Jungen in ihrer schulischen Leistungsfähigkeit. Dies ist ein Befund, der sich in der Vergangenheit schon andeutete und jetzt sehr verstärkt zu beobachten ist. Andererseits haben Mädchen im Gegensatz zu den Jungen deutlich weniger elektronische Unterhalter in ihrem Kinderzimmer. Ein Zusammenhang wird nicht kausal abgeleitet.

Jungen vorn
Jungen dominieren deutlich die gleichaltrigen Mädchen im Besitz von technischen Unterhaltern im Kinderzimmer. Sie dominieren aber auch Gewaltvorkommnisse im Vergleich zu den Mädchen. Extremes Auseinanderklaffen von Mediennutzung zwischen Jungen und Mädchen, zwischen Nord und Süd, zwischen arm und reich, zwischen deutsch und ausländisch. Auch hier ein statistischer Zusammenhang, aber keine Kausalität, wohl aber eine solche nahe legend …

Medien vorn: PC-Spiele, Unterhaltungssoftware
Auch hier gibt es eine deutliche Parallelität, gute Schülerinnen und Schüler verzichten auf einen verstärkten Medieneinsatz. Leistungsschwache Schülerinnen und Schüler bevorzugen möglichst lange Zeit vor einem Fernseher, einem Computer, einer Spielkonsole.
Zudem gibt es einen deutlichen regionalen Unterschied. Jungen und Mädchen in München sind weniger abhängig von den Medien als Jungen und Mädchen bspw. in Dortmund.
Des Weiteren gibt es einen deutlichen Zusammenhang zum Bildungsniveau der Eltern. Eltern mit einem hohen Bildungsniveau (Universitätsabschluss) erlauben ihren Kindern viel seltener den entsprechenden Medienbesitz. Scheinbar glauben die Eltern mit geringem Schulabschluss und Bildungsniveau, dass sie ihren Kindern einen Gefallen tun, wenn sie ihnen einen freien Zugang zu den Medien eröffnen…

 

Konsequenzen
Pfeiffer klagt die Medien nicht an, wenngleich die gezeigten Szenen aus einem Ego-Shooter-Spiel schon sehr drastisch sind, sondern verweist darauf, dass die Eltern entscheidend sind, wie viele Medien sie zulassen und damit die Weichen stellen für den Erfolg in der schulischen Entwicklung ihrer Kinder.

  1. Eine wichtige Forderung: Den Kindern keine eigenen Bildschirmgeräte in ihre Zimmer zu stellen, geschweige den Spielkonsolen.

 

  1. Eine zweite Forderung richtet sich ebenfalls an die Eltern. Väter und Mütter sollten eine aktive Freizeitgestaltung organisieren und eine Medienerziehung ihrer Kinder.
  1. Die dritte Forderung betrifft die Nachmittage von Schülerinnen und Schülern. Pfeiffer ist eindeutig für eine Ganztagsbetreuung, sowohl im Kindergarten wie auch in der Grundschule und der Sekundarstufenschule. Dadurch ließe sich der Stellenwert des Konsums gewalthaltiger Bilder verringern.

 

Dann folgt noch eine kritische Stellungnahme zum Verband der Unterhaltungssoftware.
Pfeiffer wird im Kriminologischen Institut jetzt die Möglichkeit erhalten, deren Gutachten mit den Gutachten seiner Fachleute zu vergleichen. Möglicherweise sollte man eine härtere, eine strengere Richtschnur zur Altersfreigabe und zur Indizierung wählen.

Im Übrigen gilt eine USK-Eingruppierung (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) als „Adelsprädikat“ etwa, wenn ein Ego-Schooter-Spiel erst ab 18 freigegeben wird. Gerade dann bemühen sich auch weit jüngere männliche Jugendliche um dieses Spiel und probieren es aus.

Besorgnis erregend sind die Vermännlichung in der Computerspiele-Nutzung und auch die Dominanz von Heranwachsenden mit Migrationshintergrund. Der Sprung von einer Gewöhnung an Computerspiele bis hin zur Spielsucht ist nur graduell. In Südkorea sollen acht bis zehn Prozent der männlichen Heranwachsenden spielsüchtig sein….

 

Hinweis auf Hyperaktivität
Pfeiffer gibt die Meinung von Spitzer wieder: Medienkinder richten ihre Aufmerksamkeit auf die vielen Reize im Bildschirm und erkennen Einzelheiten schneller, vor allem dann, wenn sie viele Ballerspiele spielen. So könnte eine Aufmerksamkeitsstörung antrainiert werden, denn die Kinder haben heute das Problem, dass ihr Fokus zu breit angelegt ist und sie sich nicht mehr auf Einzelnes z. B. auf den (langweilig) sprechenden Lehrer konzentrieren können. Demnach kann man Hyperaktivität auch so interpretieren: Durch Computerspiele lernen Kinder, unaufmerksam zu sein. Sie können sich nicht mehr auf die sprechende Lehrperson alleine einstellen.

 

Korrelation- oder Kausalzusammenhang?
Kausaler Zusammenhang wird erst auf meinen Einwand hin relativiert. Pfeiffer weist auf die Untersuchung von Neuseeland hin, die von Spitzer zitiert wird. Diese Ergebnisse über eine Kohorte im Zeitraum von 23 Jahren sind allerdings bemerkenswert: früher Medienkonsum (auch TV) führt zu schlechteren Schulleistungen und damit zu geringeren Chancen auf ein gesichertes Auskommen als Erwachsener.

 

Ausklang
Pfeiffer nimmt sich viel Zeit für die anschließende Diskussion und organisiert noch am Abend die Zusammensetzung der Schülerschaft in der Gesamtschule für die Veranstaltung des nächsten Tages.

 

MARTIN HOSTERT, LZ vom 10. November 2006

Er hat spannende Untersuchungsergebnisse vermittelt:
Der Kriminologe Professor Dr. Christian Pfeiffer in der Scholl-Aula.

Alles, was wir lernen, hängt von den Emotionen ab, die wir damit verbinden. „Deswegen kann sich jeder Fußballfan den Namen des  Hannoveraner Torschützen zum 1:0 in der Allianz-Arena gegen Bayern, Huszti, besser merken als ein neues englisches Wort.“ Fazit: „Was mich nicht interessiert, das merke ich mir nicht. Also muss Unterricht spannend, emotional, auch lustig sein.“

Dies fordert Professor Dr. Christian Pfeiffer, Gast des 15. Detmolder Symposiums für Pädagogik und Psychologie. Thema des Kriminologen und früheren niedersächsischen Justizministers: „Medienverwahrlosung – Ursache von Schulversagen“. Am Mittwoch referierte der Gast des Schulpsychologischen Dienstes im Haus der Immobilie, gestern diskutierte er mit Fünft- und Sechstklässlern der Geschwister-Scholl-Schule.

Es zeigen erstaunlich viele Hände auf, als der Kriminologe fragt, wer denn eigene  Spielkonsolen, Computer oder Fernsehgeräte in seinem Zimmer besitzt – und es heben deutlich mehr Jungen als Mädchen die Hand. Für Pfeiffer nichts Besonderes.
Das ist so, Jungen beschäftigen sich deutlich länger und intensiver mit ihrem privaten Medienpark, wie umfangreiche Schülerbefragungen des Kriminologischen
Forschungsinstitutes Niedersachsen ergeben haben.

Rein statistisch verfügen in Dortmund lebende türkische Jungen über die meisten elektronischen Unterhaltungsgeräte, die bayrischen Mädchen in München über die wenigsten. Die Jungen in Dortmund verbringen mehr Stunden vor ihren Konsolen als in der Schule. Jungen bekommen immer miesere Noten. Kommen Sprachprobleme
hinzu, sind sie die Verlierer schlechthin. Klare Botschaft: Je mehr Zeit am Rechner
und mit der Playstation verbracht wird, um so schlechter werden die Schulnoten, die
Chancen auf einen Ausbildungsplatz und somit letztlich auf einen guten Verdienst.

Der Referent belegt die Ergebnisse seiner bundesweiten Evaluation mit zahlreichen Folien, auf denen Balkendiagramme zu sehen sind, doch spannender sind die Reaktionen der Kinder, die ausgesprochen gut mitmachen. Den Zusammenhang zwischen schlechten Noten und Zeit vorm Bildschirm bekommen sie selber 'raus, und warum die Münchner Mädchen weniger Zeit dort verlieren, das vermuten sie: Weil sie christlicher sind? Weil München größer ist? Weil die Eltern Geld für bessere Noten geben? Weil sie mehr Taschengeld haben?

„Alles in Maßen nutzen“
PROFESSOR CHRISTIAN PFEIFFER Pfeiffer antwortet: Kinder ärmerer Eltern besitzen mehr Unterhaltungselektronik als solche reicherer Eltern mit Abitur. Warum? Der Kriminologe erklärt, ohne zu verurteilen: „Weil es billiger ist, einen Fernseher
ins Zimmer zu stellen, als Musik- oder Reitunterricht zu bezahlen.“ „Und was ist mit Lernspielen?“, fragt ein Junge. „Die sind an sich ganz toll. Aber alles muss in Maßen benutzt werden.“

Vokabeln seien besser zumerken, wenn man nach dem Lernen Fußball spielt oder wandert, anstatt Filme, womöglich Horrorfilme für über 18-Jährige, zu gucken – „die wilden Bilder überdecken das Gelernte“. Fast alle Hände zeigen auf, als Pfeiffer fragt, wer schon Erwachsenen-Filme gesehen habe. Da sitzen die Statistiken aus der
Powerpoint-Präsentation plötzlich in der Detmolder Aula.

Der Kriminologe hakt nach: „Wollt ihr mal gut verdienen? Das hängt davon ab, ob ihr jetzt eure Zeit mit den Medien verbringt. Ihr lernt für euch selber!“

Resümee: „Wer mehr als drei oder vier Stunden vorm Computer hängt, der versäumt das Leben. Ihm bleibt weder genügend Zeit dazu, regelmäßig in einer Fußballmannschaft zu trainieren und dann am Sonntag vielleicht zu lernen, wie man anständig verliert. Noch hat er genug Zeit, um wochenlang mit einer Band oder einem Orchester zu proben und dann die Freude eines gelungenen Auftritts zu erleben. Und er versäumt den erbitterten Streit mit seinem Spielkameraden, und die tolle Erfahrung, dass man danach Wege findet, sich wieder zu versöhnen.“

 

 

 

Prof. Dr. Pfeiffer, Inge Ehrlicher, Dr. Josef Hanel