22. Detmolder Symposium für Pädagogik und Psychologie
Mittwoch, 13. November 2013

Prof. Dr. Rainer Dollase
Inklusion – Lust, Last oder Überforderung?

 

RainerDollase
Foto: Homepage Rainer Dollase

 

Prof. Dr. Dollase blickt auf eine Reihe von Jahren zurück, in denen er in der Universität Bielefeld in der Lehre für Pädagogen und Psychologen um eine Passung von Ausbildung und Bildungssystem gerungen hat. Er ist Mitglied in der Enquete-Kommission der Landesregierung ’Chancen für Kinder’ gewesen und gilt als einer der profiliertesten Bildungsforscher in Deutschland. Kaum jemand schafft den  Transfer von Fakten aus der Wissenschaft in die Welt von heute so elegant und unterhaltsam wie er.

 

Einführung. Der Vorsitzende im Verein für Schulpsychologie Detmold, Dr. Josef Hanel, konnte zum 22. Detmolder Symposium im Panoramasaal der Volksbank knapp 200 Teilnehmer begrüßen. In seiner Einführung wies er auf die besondere Herausforderung für das Schulsystem hin, die mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Inklusion in NRW entstanden ist.

In NRW gibt es 116.000 Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf. Sie werden in
Förderschulen unterrichtet mit 7 Förderschwerpunkten: Hören – Sehen – Sprechen – Lernen - geistige Entwicklung - sozial-emotionale Entwicklung - körperliche Entwicklung. Etwa
20 % davon besuchen bereits eine Regelschule. In OWL gehen im aktuellen Schuljahr 2.610 Förderschüler eine der Regelschulen, die meisten (1.377) besuchen eine Grundschule.

Der allgemeine Rückgang der Schülerzahlen führte in den letzten Jahren nicht automatisch zu einem Rückgang der Schülerzahlen in Förderschulen. Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt „emotionale und soziale Entwicklung“ weisen im Primarbereich wie im Sekundarbereich seit geraumer Zeit steigende Schülerzahlen auf.

 

 

Mit dem Gesetz zum inklusiven
Unterricht drängt sich die Frage auf, wie und in welchem Umfang das Schulsystem in NRW weiter
entwickelt werden soll. Warum
müssen wir uns jetzt mit Inklusion beschäftigen und was meint
Inklusion mehr als Integration?

 

 


Foto: Hanel

Befürworter der Inklusion hoffen, dass gemeinsamer Unterricht gelingen kann. Kinder mit Behinderung zu separieren, schafft einen teuren Aussonderungsapparat und verlangt nach einem Paralleluniversum der Förderschulen. Es wird argumentiert, dass die Ausweitung der Sonderschulen völlig aus dem Ruder gelaufen sei. Zudem sei das Aussortieren schon immer problematisch gewesen, da den Kindern keine nachweisbar höhere Chancen auf ein besseres Leben erwachsen. Zusammengefasst: Wer Inklusion will, sucht Wege. Wer sie nicht will, sucht Begründungen. (Herbert Hüppe, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung)

 

Gegner der Inklusion sagen, dass die totale Separation in der Vergangenheit genauso verhängnisvoll ist, wie jetzt eine totale Inklusion gefordert wird. Ebenso verkehrt wie es in der Vergangenheit war, alle Kinder mit Behinderung in eine Sonderschule zu geben, ist es heute, alle behinderten Kinder in eine gemeinsame Schule zu geben.

Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Schülern, finden alle gut, jedenfalls, wenn sie in der Öffentlichkeit dazu gefragt werden. Praktisch sind vor allem die Lehrer überfordert. Doch nicht, weil sie – so ein unausrottbares Vorurteil – kein Interesse haben, sondern weil sie sich schlicht überfordert fühlen und allein gelassen vom Schulministerium. Überforderung fühlen auch die Kommunen, weil niemand die Kosten der Inklusion bisher durchgerechnet hat. (Bernhard Hänel, Redakteur der WN)

Das hat der Bildungsökonom Klaus Klemm für die Bertelsmann-Stiftung 2013 versucht:  Bundesweit werden 9.300 zusätzliche Lehrkräfte benötigt, die etwa 660 Millionen kosten würden. Für Prof. Dr. Bernd Ahrbeck ist Inklusion eine Art Heilslehre geworden.

 


Foto: Hanel

 

Es ergibt sich ein zweifaches Dilemma.

Schicken Eltern ihr Kind auf eine Regelschule, riskieren sie auf Jahre hinaus, dass es unzureichend gefördert und betreut wird.

Geht es in eine Förderschule, bekommt es womöglich die bessere Versorgung, aber es besteht die Gefahr, dass es als Außenseiter der Gesellschaft stigmatisiert wird.

 

Dollase ist für eine sanfte Inklusion.
Ideologische Voreingenommenheit oder politische Wunschvorstellungen sind schlechte Ratgeber für die Debatte um die Inklusion. Das Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen ist möglich, auch in der Schule. Ein Rollstuhlfahrer mit normaler Lernfähigkeit ist in jeder Schule willkommen, sofern die baulichen Voraussetzungen gegeben sind. Und mit Kindern der Hilfsschule war schon früher das Fußballspielen möglich, ohne dass irgendjemand daran Anstoß nahm oder es bemerkte.

Ein Unterricht, in dem jedes Kind mit seiner Besonderheit anerkannt wird, verlangt eine gut ausgebildete Fachkraft, die im zentralen Unterrichtsgeschehen das Heft des Handeln in der Hand hält, auch wenn sie lehrerzentriert unterrichtet und nicht zu viele Binnendifferenzierungen durchführt. Es kommt eben auf die Persönlichkeit der Lehrkraft, die Organisation des Unterrichtes, die Motivationslage beim Unterrichtenden und beim Schüler an und weniger, ob der Unterricht gemeinsam mit bestimmten Behinderungen zu gestalten ist.

Schulen sind gut beraten, sich in multiprofessionellen Teams zu organisieren, wozu selbstverständlich die Schulpsychologe und die Schulsozialarbeit zählt. Warum sollten wir in NRW nicht ähnliche Strukturen wie etwa in Finnland schaffen können?

Eine sanfte Inklusion bedeutet aber auch, dass sich nicht alle behinderten Kinder für einen inklusiven Unterricht eignen. Besonders die Kinder, die Probleme in der sozial-emotionalen Entwicklung aufweisen, können den Unterricht unmöglich machen. Wie soll ein schwer gestörtes Kind zu seinen Erfolgen kommen, wenn nicht eine Sonderpädagogin oder Integrationshelfer während des gesamten Schultages neben ihm steht? Besser für dieses Kind ist es, wenn es in der Regionalliga Siege erleben darf, als eine fortwährende Beschämung in der Bundesliga ertragen zu müssen.

Dollase wirbt für Möglichkeiten einer regionalen Inklusion. Wenn beispielsweise einer Schule über eine Stiftung 50.000 € zur Verfügung gestellt werden würde, könnte eine Inklusion schultypisch aufgebaut werden. Ebenso ist eine Inklusion unter einem gemeinsamen Dach möglich. Dann würde auch ein Argument von Inklusionsgegnern entfallen, die das Kind sonst an eine andere Schule schicken würden.

 

Vorschlag für Detmold: Modellschulen zur Inklusion einrichten
In einer Stadt mit über 20 städtischen Schulen könnten eine Grundschule und eine Sekundarschule versuchen, den Gedanken der Inklusion unter wissenschaftlicher Begleitung für einige Jahre modellhaft umzusetzen. Alle beteiligten Lehrkräfte müssten dem Gedanken der Inklusion positiv eingestellt sein. Auch hier darf man ins Ausland blicken, Schulzentren in Skandinavien oder den Niederlande schaffen inklusive Schulen mit multiprofessionellen Teams.

Fazit:
Eine gemeinsame Schule macht für ein behindertes und ein nicht behindertes Kind nur dann Sinn, wenn sie beiden hilft, besser im Leben zurechtzukommen.

Dokumentation Dr. Hanel

 

 

Lippische Landeszeitung vom  14.11.2013
Von TORBEN GOCKE

"Es gibt viele ideologische Scheuklappen"

Professor Rainer Dollase spricht in Detmold über die Schwierigkeiten mit der Inklusion
 

 

Weg mit den Scheuklappen: Professor Dr. Rainer Dollase macht sich stark für eine kritisch-konstruktive Debatte zum Thema Inklusion, frei von Lagerdenken und ideologischer Aufladung. Foto: gocke
Foto: Gocke

 

Großes Interesse für das Thema Inklusion:

Rund 200 Zuhörer haben am Fachvortrag von Bildungsforscher Professor Dr. Rainer Dollase aus Bielefeld im Haus der Immobilie teilgenommen.

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Weg mit den Scheuklappen: Professor Dr. Rainer Dollase macht sich stark für eine kritisch-konstruktive Debatte zum Thema Inklusion, frei von Lagerdenken und ideologischer Aufladung.

Detmold. Das Gesetz zur Inklusion wurde in Düsseldorf beschlossen, und die Schulen im Land sollen jetzt für eine schrittweise Umsetzung sorgen. Kinder mit geistigen oder körperlichen Behinderungen sollen gemeinsam mit nicht Behinderten unterrichtet werden. Inklusion nennen das Pädagogen. Ein Begriff, der in der Vergangenheit für viel Streit unter den Gelehrten gesorgt hat. 

"Eine ernste Debatte ist oftmals nur schwer möglich, denn viele Teilnehmer bewegen sich in diesem Feld mit großen ideologischen Scheuklappen", erklärte Dollase beim 22. Symposium für Pädagogik und Psychologie. Erst sein gehobenes Alter mache es ihm heute möglich, zu Inklusion referieren zu können.

"Seien Sie sich sicher: Mit 30, 40 oder 50 Jahren hätte ich mich hier wohl nicht hingestellt", setzte er fort, "zu groß wäre meine Sorge gewesen, mich in ein thematisches Minenfeld zu bewegen, aus dem ich nicht mehr herauskomme." Der Sache selbst schade eine solche Gesprächskultur in jedem Fall, denn Inklusion brauche eine gesunde Debatte, um am Ende ein gutes Ergebnis zu haben.

Dollase selbst verwehrte sich im Verlauf seines Vortrages scharf gegen ein Vorurteil, wonach er ein Gegner des Ganzen sei. Unhinterfragt einer Stoßrichtung zu folgen, sei in jedem Fall unsachlich und schade der Sache. Rund 90 Minuten nahm sich der Psychologe Zeit, das Für und Wider zu betrachten, um am Ende ein gemischtes Fazit zu präsentieren. Sinnvoll wäre nach seiner Überzeugung eine sogenannte sanfte Inklusion, "die der Tatsache gerecht wird, dass jeder Schüler als Einzelfall betrachtet werden muss." Pauschalisierungen und Schubladendenken würden in die falsche Richtung führen. Die betroffenen Kinder bräuchten individuelle Hilfe, sodass Inklusion nicht ohne weitere personelle Ressourcen machbar sei.

"Um diesen Anforderungen gerecht werden zu können, braucht es multiprofessionelle Teams an den Schulen", so Dollase. Sicher sei auch, dass die sogenannte Binnendifferenzierung kritisch zu betrachten sei. Inklusion dürfe am Ende nicht bedeuten, dass behinderte Kinder innerhalb ihrer Klassen ausgegrenzt werden. "Das wäre dann keine Inklusion, sondern eine Verlagerung der Thematik."

Eine emotional aufgeladene Debatte blieb aus. Nach dem Vortrag begnügte sich das Detmolder Publikum mit verschiedenen Sachfragen an den Professor.