14. Detmolder Symposium für Pädagogik und Psychologie am 19.10.2005

Prof. Dr. Peter Struck: Die 15 Gebote des Lernens - Schule nach PISA

Dokumentation Dr. Josef Hanel

 

Zum Verlauf

Zahlreiche Teilnehmer/innen mussten leider abgewiesen werden, sie waren nicht auf der Anmeldeliste. Die Kapazität in den Räumen der Volksbank war voll ausgelastet (200 Personen). Am Büchertisch der Buchhandlung Jaenicke konnten Bücher von P.Struck erworben werden. Nach der Begrüßung durch Schulpsychologe Dr. Josef Hanel und Inge Ehrlicher, Vorsitzende des Vereins für Schulpsychologie Detmold, zog Prof. Dr. Struck die Zuhörer bis 21.15 Uhr in den Bann. Im Anschluss an den Vortrag blieb noch Zeit für die Begegnung im gemütlichen Rahmen des Foyers im Haus der Immobilie.

 

Zu den Inhalten
Die PISA-Studie ist nach Meinung von Struck zu relativieren. Die Neigung, Ranking-Listen zu erstellen, ist zwar verständlich, führt aber zu einer schnellen und oftmals falschen Beurteilung. Man solle diese Listen so ähnlich wie die Tabellen der Fußballbundesliga betrachten. Es wird immer wieder Vereine geben, die besonders häufig oben stehen. Wichtiger als Ranking-Listen ist das bessere Verständnis um Epochen in der Pädagogik.

Wir in der Bundesrepublik haben bis in die Nachkriegszeit hinein einem Obrigkeitsstaat gehuldigt, und von daher ist das Lernen von oben nach unten organisiert worden. Nun aber wird im Grundgesetz die Verschiedenartigkeit der Menschen betont, und nicht mehr der austauschbare Untertan wird in den Blick genommen, sondern der mündige Bürger.

In anderen Ländern hat man wesentlich früher erkannt, dass die Individualität ein sehr hohes Gut ist und dass man eigentlich für alle Schüler einer Klasse einen besonderen Unterricht machen müsste. Finnland hat diese Sichtweise systematisiert und mit dem Begriff der „unebenen Lernlandschaften“ gut beschrieben.

Wenn überhaupt PISA etwas gebracht hat, dann die Tatsache, dass man beginnt, über Unterrichtsalternativen zu sprechen. Drei Dinge sind für Stuck besonders bedeutsam. Zum einen ist die Bandbreite innerhalb eines Jahrgangs hier bei uns in Deutschland besonders groß. Dies trifft auch bei den 15-Jährigen zu, die bei PISA getestet wurden. In der Bundesrepublik finden sich links von der Leistungsmitte mehr junge Menschen als in anderen Ländern, wenngleich auch Spitzenleistungen vorkommen.

Zweitens ist in Deutschland die Wahrscheinlichkeit, dass der sozioökonomische Familienstatus für die Schullaufbahn maßgeblich ist, besonders hoch, und zum Dritten, die Mädchen überholen die Jungen mit ihren guten Schulabschlüssen, z. B. in der Anzahl der Abiturienten (54 vs. 46 Prozent). 

Im Bereiche der Hirnforschung hat man eine Reihe von Erkenntnissen zusammengetragen, die völlig unideologisch interpretiert werden dürfen. Man weiß jetzt sehr genau, dass das Lernen bereits im Mutterleib beginnt. Schon bei der Geburt hat das Neugeborene sehr viele Schaltverbindungen im Gehirn entwickelt. Das, was die Kinder bis zum Alter von zwei Jahren gelernt haben, ist ein ungeheuer umfangreicher Wissenserwerb. Will ein Erwachsener die gleiche Menge lernen, müsste er sich 20 Jahre intensiver Mühe unterziehen.

Bei allen Lernvorgängen ist es so, dass das Bestrafen den geringsten Effekt hat. Im Gegenteil dazu sollte man Kinder geradezu ermuntern, Fehler zu machen. Eine technische Unterstützung beim Lernvorgang hat diesen Vorteil, ein Computer bestraft nicht.

Die Hirnforscher weisen darauf hin, dass es bei Jungen und Mädchen Unterschiede in der Verbindung der beiden Gehirnhälften gibt. Den Mädchen fällt ein Ausgleich der Hemisphären untereinander infolgedessen leichter als den Jungen. Linkslastige Unterrichtsinhalte verbleiben bei den Jungen länger in der einseitigen Verarbeitung. Dies ist bedeutsam vor allem dann, wenn es Konflikte gibt. Jungen reagieren bei anhaltenden Frustration vorwiegend linkshemisphärisch, z. B. mit einem Übermaß an Aggressivität. Mädchen können Frustrationen eher ausgleichen, da sie über bessere Verbindungen zur anderen Hirnhälfte verfügen. Struck fordert eine Feminisierung der Erziehung. Jungen müssten die rechte Gehirnhälfte genauso ausbilden, wie dies bei Mädchen der Fall ist. Das gelingt, wenn sie in ihrer Entwicklung und Sozialisation Gefühle bewusst zulassen.

Die Schüler reden hier in Deutschland viel weniger als die Schüler in anderen Ländern infolge des immer noch üblichen Frontalunterrichtes etwa nur zwei Minuten pro Unterrichtsstunde. Finnland überzeugt mit 12 Minuten pro Unterrichtsstunde, was natürlich eine andere Art von Unterricht voraussetzt. Man vertraut viel stärker auf das Zuhören untereinander. Was man in 14 Tagen gelernt hat, wird in Finnland bereits den Eltern präsentiert, die allerdings den Präsentationen ihrer Kinder nur mit einer Entschuldigung fernbleiben dürfen. Durch das Präsentieren wird eine besonders hohe Gedächtnisleistung erzielt.

Eine weitere Eigenart unseres Bildungssystems ist die Jahrgangsklasse. Nirgendwo sonst kommt man auf die Idee, Gleichaltrige in Jahrgangsklassen zu organisieren, denn man hat erkannt, dass Kinder leichter voneinander lernen als durch einen Lehrer. Die Heterogenität bietet mehr Chancen, Jüngere lernen von den Älteren. Das klassenübergreifende Lernen ist bei uns unbedingt weiter zu entwickeln.

Jüngere Kinder sollten um 8.00 Uhr mit dem Unterricht beginnen, Jugendliche aber erst um 10.00 Uhr, auch das eine Erkenntnis aus der Hirnforschung. Nur hier bei uns ist es so, dass ein Klassenlehrer für eine Klasse zuständig ist, in anderen Ländern sind längst die Klassentüren geöffnet und kleinere Lerngruppen gebildet.

Struck beendet seinen Vortrag mit einem Videobeitrag des Bildungsjournalisten Reinhard Kahl. Eine Schule am Bodensee will Gastgeber für ihre Schüler sein und organisiert das Lernen der Kinder nach dem Prinzip der Eigenmotivation. Kinder werden in ihrer Individualität anerkannt und als unebene Lernlandschaften betrachtet.

In der abschließenden Gesprächsrunde greift Struck noch einmal die Begriffe „Bekehrungsanstalten“ und „Unterrichtsvollzugsbeamte“ auf. Lehrer werden sich auch hier zu „Lernberatern“ weiter entwickeln und Schule wird sich in Ganztagseinrichtungen erweitern und kann dann auch einen besseren Lernrhythmus für den Einzelnen bieten.

Peter Struck, empfohlene Bücher
“Die 15 Gebote des Lernens - Schule nach PISA" (2004)
"Das Erziehungsbuch" (2005)

 

Bericht in der LZ
PISA als heilsamer Schock
Vortrag von Pädagogikprofessor Dr. Peter Struck
Detmold (aga). "Lernen, selbst zu lernen, und nicht wiedergeben, was der Lehrer Ihnen vorerzählt hat", bringt Professor Dr. Peter Struck sein Anliegen auf den Punkt. Auf Einladung des Schulpsychologischen Dienstes und des Vereins Schulpsychologie referierte der Pädagogikprofessor der Universität Hamburg im prall gefüllten Saal im "Haus der Immobilie" über die "15 Gebote des Lernens".

Lehren an die Art des Lernens von Kindern anpassen:(von links) Dr. Josef Hanel, Schulpsychologischer Dienst der Stadt Detmold, und Inge Ehrlicher, Vorsitzende des Verein für Schulpsychologie Detmold, hatten in Professor Dr. Peter Struck einen kompetenten Referenten eingeladen.Foto: Gallisch
Quelle: Lippische Landeszeitung vom 21.10.2005