Dokumentation 24. Detmolder Symposium am 11.11.2015 in der Volksbank Detmold

Turbo-Abitur vor dem Aus – Soll das Gymnasium in 8 oder 9 Jahren zum Abitur führen?

 

Prof. em. Dr. Klaus Klemm
Foto Internet

Prof. Dr. Klaus Klemm
studierte nach dem Abitur 1962 Germanistik, Geschichte und Erziehungswissenschaft.  1977 folgte er einer Professur an die Universität Essen, dort war er 1982–1984 sowie 1994–1998 Dekan des Fachbereichs Erziehungswissenschaft.

Der weit über die Grenzen von NRW bekannte Bildungsforscher, Mitglied mehrerer Sachverständigenkommissionen, arbeitet seit seiner Emeritierung 2007  in der Arbeitsgruppe Bildungs-forschung der Deutschen UNESCO-Kommission.

Zu viel Stress, zu wenig freie Zeit, zu viel Nachhilfe. So wir das achtjährige Gymnasium vor allem von Eltern kritisiert. Trotzdem warnen Bildungsforscher vor zu raschen Korrekturen. Zwar wird aktuell in mehreren Bundesländern mit dem neunjährigen Gymnasium experimentiert und es entsteht der Eindruck, dass es einen schleichenden Abschied vom so genannten Turbo-Abitur geben kann, zu bedenken ist aber auch, dass gerade die ersten Abschlussjahrgänge das achtjährige Gymnasium verlassen haben und es wenig Sinn macht, schon wieder etwas zu ändern und zur alten Struktur zurück zu kehren.

Stress, wenig Zeit und Nachhilfe – diese Kritikpunkte lassen sich auch im Zusammenhang mit
einer Reform im Tagesablauf an den Schulen diskutieren. Bevor man wieder in Aktionismus verfällt,  könnte man die Ganztagsschule stärker nutzen und einen rhythmisierten Stundenplan schaffen, also einen Wechsel zwischen Erholungsphasen und kognitiven Anforderungen. Sport, Musik, Kunst und Hausaufgaben ließen sich so besser in den gymnasialen Lernrhythmus einbauen.

2001 begann die bundesweite Umstellung vom Abitur in neun Jahren auf acht Jahre. Jetzt deutet vieles auf ein erneutes Umdenken hin, wobei jedes Bundesland sein eigenes Konzept umsetzen möchte. Wohin soll die Reise in NRW gehen, Herr Prof. Klemm?

Diese Frage beantwortet der Referent eindeutig: Obwohl er 2001 bei der Einführung von
G8 für das Abitur nach neun Jahren war, sollte man jetzt nicht schon wieder etwas ändern, sondern das Beste daraus machen. Das bedeutet, in den offenen Ganztag zu investieren und die gymnasiale Oberstufe für zwei, drei oder vier Jahre offen zu halten.

Als Begründung führt Klemm an, dass es zurzeit einfach keine überzeugenden Gegenargumente gibt. Entlastende Längsschnittuntersuchungen liegen nicht vor und die Befragungsergebnisse der bisher vorliegenden Studien (z.B. JAKO-O) sagen aus, dass es zwischen G8 und G9 keine nachweisbaren Unterschiede gibt hinsichtlich Schulleistungen, Klassenwiederholung, Studierfähigkeit, Nachhilfe, Freizeitengagement und den gesundheitlichen Belastungen.

In der JAKO-O - Bildungsstudie 2014 äußert sich TILLMANN (Erziehungswissenschaftler Universität Bielefeld) zusammenfassend: „In beiden Bildungsgängen gehen die Kinder gern zur Schule (86 % G8 und 89 % G9), in beiden Gruppen können Sie die Anforderungen gut bewältigen (jeweils 72 %), und nur ein kleinerer Teil von Ihnen wird von den Eltern für überfordert gehalten (9 % bzw. 5 %).“

 

Ein besonderer Höhepunkt des Symposiums war der Auftritt von vier Schüler/innen des Rhetorikkurses am Grabbe-Gymnasium. In einem 10-Minuten-Streitgespräch fassten sie die Argumente aus Sicht der Betroffenen gekonnt zusammen und lieferten dem Referenten sehr gute Anknüpfungspunkte. Ebenso lebendig gestaltete sich die Aussprache nach dem Vortrag, auch mit erfrischender Beteiligung der Schüler/innen.

 


Foto: Hanel

 

Bevor das Symposium mit dem geselligen Beisammensein im Foyer der Volksbank ausklang, wurde daran erinnert, dass das Gymnasium vor 100 Jahren noch viel mehr Zeit als heute im G 8 oder G 9 von seinen Schülern verlangte. In seinen Lebenserinnerungen schrieb Carlo Schmidt, einer der Väter des Grundgesetzes:

„ Von 1908 an besuchte ich das Stuttgarter Karls-Gymnasium. Mit Ausnahme der Samstage war auch nachmittags Unterricht. Erst nach siebzehn Uhr konnte man sich an die Hausarbeiten machen, die bei mir einige Stunden in Anspruch nahmen, denn mein Vater pflegte meine Schulhefte zu kontrollieren und die Vokabeln abzufragen. Nur um meine Aufsätze kümmerte er sich nicht: Er wollte mich wohl zwingen, meine eigene Ausdrucksweise zu finden. Der Abend gehörte allein der Lektüre. Dies klingt, von den heutigen Verhältnissen aus gesehen, nicht recht glaubhaft. Doch ist es so gewesen...“ (Schmidt, 1980, S. 23)

 


Foto Hanel

 

 

 

Geselliges Beisammensein
Foyer der Volksbank

Schülerin NN
Dr. Josef Hanel
Prof. Dr. Klaus Klemm
Birgit Wulfmeyer

 

 

 

Lippische Landeszeitung vom 13.11.2015
Der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Klaus Klemm erklärt beim Symposium für Pädagogik und Psychologie das Für und Wider von G 8 und G 9. Bei den schulischen Leistungen gebe es kaum Unterschiede
VON TORBEN GOCKE

Detmold. Gut zwei Drittel der Menschen in NRW wünschen sich das alte Abitur nach 13 Jahren Schule zurück. Zu diesem Ergebnis kommen die meisten Umfragen zu dem Thema. Nicht anders hat sich die  Meinung der Teilnehmer beim 24. Detmolder Symposium für Pädagogik und Psychologie abgezeichnet.

Zu Beginn ließen die Organisatoren ihre Besucher abstimmen, das Ergebnis war eindeutig: „Wir haben 26 abgegebene Stimmen für das G 9-Abitur und lediglich sechs Stimmen für
G 8“, verkündete Dr. Josef Hanel das Ergebnis der kleinen und spontanen Umfrage.

Wesentlich belastbarer waren schließlich die Zahlen, die der Referent des Abends, Klaus Klemm, im Gepäck hatte. In seinem Fachvortrag fasste dabei der Erziehungswissenschaftler mehrere Studien und Umfragen zusammen – in der Regel mit eindeutigen Resultaten: Die meisten aktuellen Untersuchungen stellen fest, dass es kaum signifikante Unterschiede zwischen den G8- und den G9-Schülern gibt. Schulische Leistungen wie Notendurchschnitt, Durchfallquoten oder auch gesundheitliches Befinden ließen kein klaresVotumfüroderwiderG8 oder G9 zu.

 


Foto: Torben Gocke

 

Aus seiner Sicht gebe es zwar stellenweise statistische Auffälligkeiten, allerdings dürfe bei all den gemachten Untersuchungen nicht vergessen werden, dass es sich jeweils lediglich um „punktuelle Ergebnisse“ handele, erklärte der Experte.

 

„Zur Bewertung der Frage Ja oder Nein zu G8 bräuchten wir eigentlich umfangreiche Langzeitstudien, die es aktuell nicht gibt“, schilderte er vor den Zuhörern in Detmold. In Nordrhein-Westfalen verließ im Jahr 2013 der erste Turbo-Abitur-Jahrgang die Gymnasien. Prof. Dr. Klaus Klemm erklärte weiter, er selbst sei zur Einführung des schnelleren Abiturs in NRW dagegen gewesen.

„Die Gründe dafür haben mich damals schlichtweg nicht überzeugt. Heute jedoch würde ich raten: Lasst es wie es ist.“ Denn Lehrern, Schülern und Eltern sei mit der Umstellung im politischen Hauruckverfahren Einiges abverlangt worden – das müsse sich jetzt nicht wiederholen, indem alles wieder zurückdreht werde. Vorhandene Ressourcen sollten Klemms Meinung nach stattdessen lieber dazu genutzt werden, um das jetzt bestehende System weiter zu entwickeln und es zu verbessern. „Zu tun gibt es schließlich reichlich“, so Klemm.